Echo 2015-3 - page 6

6
Oberwesel.
Die Situation war neu und
ungewohnt: Mitschwestern, die für Füh-
rungsaufgaben in Frage kamen, gab es
immer weniger; gleichzeitig schritt die
Ökonomisierung im Gesundheitswesen
immer weiter voran. „Wenn wir weiter-
hin Träger und unserem Auftrag treu
bleiben wollten, dann mussten wir dafür
sorgen, dass es in unseren Einrichtungen
Menschen gibt, die das Evangelium le-
bendig halten“, beschreibt Schwester M.
Basina Kloos die Gemengelage Anfang
der 1990er Jahre. Damals wurde die Idee
geboren, weltliche Mitarbeiterinnen mit
der Aufgabe der Krankenhausoberin zu
betrauen. Die gesamte Ordensleitung –
Schwester M. Basina war zu dieser Zeit
Generaloberin der Waldbreitbacher Fran-
ziskanerinnen – und auch die Mitschwes-
tern, die als Krankenhausoberinnen wirk-
ten, für diese Idee zu gewinnen, war nicht
sonderlich schwer, wie sich Schwester M.
Basina erinnert. Das Risiko war ein ganz
anderes: Das Experiment mit einer welt-
lichen Oberin musste gelingen, und zwar
auf Anhieb.
Eine ins Leben integrierte Spiritualität
Deshalb fiel ihre Wahl auch wohl auf
Christa Garvert, die seit 1980 für den Trä-
ger arbeitete, diverse Projekte (gerade
auch im Bereich der Organisations- und
Personalentwicklung) erfolgreich mit ge-
staltet und so zwangsläufig auf sich auf-
merksam gemacht hatte. Ein klassisches
Anforderungsprofil habe man nie formu-
liert, sagt Schwester M. Basina. Man habe
vielmehr Wert darauf gelegt, dass eine
Oberin über eine hohe soziale Kompetenz
verfüge, eine in ihr Leben integrierte Spiri-
tualität mitbringe und beispielsweise
mutig sei zu intervenieren, wenn irgend-
wo im System Krankenhaus Menschen
aus dem Blick zu geraten drohten. – Dass
zumindest in den Anfangsjahren die welt-
lichen Oberinnen unverheiratet und kin-
derlos waren, war deshalb eher zufällig.
Dass sie – bis auf wenige Ausnahmen – al-
lesamt aus dem System kamen und kom-
men, eher nicht.
„Nehmen Sie die Rolle
und gestalten Sie sie“
Weil es damals kein Profil respektive kei-
ne klassische Aufgabenbeschreibung
gab, sei es ihr „anfangs auch schwer ge-
fallen, denMenschen zu erklären, was ich
überhaupt mache“, erinnert sich Christa
Garvert. Die Aufforderung von Schwes-
ter M. Basina – „Nehmen Sie die Rolle
und gestalten Sie sie“ – habe zwar ge-
zeigt, wie groß das Vertrauen der Or-
densleitung in sie war, habe ihr anfangs
im Alltag aber nicht unbedingt geholfen.
Denn mit einer Ordensfrau als Oberin
hätten die Krankenhäuser ja leben kön-
nen (vielleicht hatten sie sich auch nur
damit abgefunden, wer weiß), aber einer
weltlichen Oberin seien viele in Neuwied
und Bendorf anfangs doch eher zurück-
haltend bis ablehnend begegnet. Aber
mit der Zeit, so erinnert sich Christa Gar-
vert, habe sie sich mit ihren Kollegen im
Direktorium doch zusammengerauft.
(Bei den Mitarbeitern war das in der Re-
gel nicht ganz so schwierig). „Wir haben
uns halt an unseren Unterschieden ent-
wickelt“, sagt sie und fügt hinzu, dass das
Seit 20 Jahren gibt es in der Trägerschaft weltliche Oberinnen –
ein Gespräch mit Schwester M. Basina Kloos und Christa Garvert
Das ist eine Aufgabe, für die man sich nicht bewerben kann
Über den Dächern von Oberwesel erinnern sich Schwester M. Basina Kloos und Christa Garvert
(links), wie es vor 20 Jahren mit den weltlichen Oberinnen angefangen hat.
1995 war Christa Garvert die erste weltliche Oberin in der Trägerschaft. Sie übernahm diese
Aufgabe damals von Schwester M. Scholastika Theißen (links). Diese ist heute Mitglied im
Vorstand der Marienhaus Stiftung.
Fotos: hf
1,2,3,4,5 7,8,9,10,11,12,13,14,15,16,...48
Powered by FlippingBook