Echo 2015-04 - page 10

10
Neuwied.
Franz Müntefering weiß sehr
genau, wie er einmal sterben möchte: Er
möchte bei klarem Verstand bis zuletzt
leben und sich von seiner Familie und
Freunden verabschieden können, bevor
er geht. Dem Tod sieht der 75-Jährige ein
Stück weit gelassen entgegen; denn der
müsse dank Palliativmedizin und hospiz-
licher Betreuung heutzutage „kein Mar-
tyrium, keine Katastrophe“ mehr sein.
Was dem ehemaligen Bundesminister
und SPD-Parteivorsitzenden gleichwohl
Sorge macht, ist die Tatsache, dass unse-
re Gesellschaft das Sterben weitgehend
aus dem Leben verdrängt hat. Deshalb
plädierte er Ende August vor mehr als
150 Zuhörern auch vehement dafür, dass
wir Sterben als Teil des Lebens wieder
akzeptieren lernen und denMut aufbrin-
gen, mit diesem Thema natürlicher um-
zugehen.
Müntefering, der seiner Mutter und sei-
ner krebskranken Frau „Hilfe beim Ster-
ben“, wie er es nennt, geleistet hat, war
auf Einladung der Waldbreitbacher Hos-
piz-Stiftung in das Foyer des Marienhaus
Klinikums St. Elisabeth nach Neuwied
gekommen. Hilfe beim Sterben leisten
seiner Überzeugung nach alle, die haupt-
oder ehrenamtlich in der Palliativ- und
Hospizarbeit tätig sind. Deshalb fordert
er auch – genau so wie es die Waldbreit-
bacher Hospiz-Stiftung tut – den geziel-
ten und flächendeckenden Ausbau der
Hospiz- und Palliativversorgung. Wobei
er weiß, dass dazu momentan noch viele
qualifizierte Fachkräfte fehlen.
Ärztliche Beihilfe zum Suizid oder gar or-
ganisierte Sterbehilfe lehnt Müntefering
dagegen entschieden ab. Aktuell ringt
der Bundestag ja darum, ob beziehungs-
weise in welchem Rahmen Sterbehilfe
erlaubt werden soll. Müntefering würde
an der bestehenden Gesetzeslage am
liebsten nichts ändern, denn er ist über-
zeugt, dass „kein Gesetz regeln und be-
schreiben kann, dass und unter welchen
Bedingungen ich gehen darf“.
Deshalb plädierte Müntefering auch da-
für, dass die Gesellschaft, nein wir alle
stärker darauf schauen müssten, „wie
wir alt werden“. Viele ältere Menschen
würden vereinsamen und so ihres Le-
bens überdrüssig. Auch und gerade sie
hätten ein Recht auf ein Leben bis zu-
letzt.
Wie dieses Leben bis zuletzt aussehen
kann und wie sich ihre Arbeit mit
schwerstkranken und sterbenden Men-
schen gestaltet, was somit also Sterben
in dieser Zeit bedeutet, darüber berichte-
ten im Anschluss an den Impulsvortrag
von Franz Müntefering Verena Krings-Ax,
sie ist Hospizfachkraft im Ambulanten
Hospiz Neuwied; Dr. Christian-René de
Mas, der Chefarzt der InnerenMedizin im
Marienhaus Klinikum St. Elisabeth Neu-
wied und zugleich Palliativmediziner ist;
und Dr. Christoph Zimmermann-Wolf,
der als Seelsorger im Klinikum arbeitet.
Moderiert wurde die Veranstaltung von
Marcelo Peerenboom, dem Redaktions-
leiter der Rhein-Zeitung in Altenkirchen.
Jeder Mensch braucht eine Begleitung beim Sterben
„Sterben in dieser Zeit“ – Franz Müntefering bezog bei
Diskussionsveranstaltung der Waldbreitbacher Hospiz-Stiftung klar Position
Franz Müntefering ist überzeugt, dass jeder Mensch eine Begleitung beim Sterben braucht.
Links im Bild Moderator Marcelo Peerenboom.
Diskutierten über Sterben in dieser Zeit: Franz Müntefering (Mitte), Verena Krings-Ax vom
Ambulanten Hospiz Neuwied, Dr. Christoph Zimmermann-Wolf aus dem Seelsorgeteam des
Marienhaus Klinikums, Chefarzt und Palliativmediziner Dr. Christian-René de Mas sowie
Moderator Marcelo Peerenboom (von links).
Fotos: hf
1,2,3,4,5,6,7,8,9 11,12,13,14,15,16,17,18,19,20,...48
Powered by FlippingBook