Echo 2015-04 - page 6

6
Köln.
Valerie Haeneefstingels deckt gera-
de den Tisch fürs Mittagessen, als wir sie
auf dem Wohnbereich besuchen. Seit
wenigen Wochen arbeitet sie im Senio-
renzentrum St. Josefshaus in Köln und ist
sichtlich froh, dass sie hier einen Ausbil-
dungsplatz gefunden hat. Und Angelina
Frings kann es kaum noch erwarten, dass
es für sie in wenigen Tagen im St. Elisa-
beth Seniorenzentrum in Alfter-Oedeko-
ven endlich los geht. Die 19-Jährige hat
wie Valerie Haeneefstingels eine Förder-
schule besucht, eine Ausbildung ange-
fangen und diese abgebrochen. Beide
mussten sie feststellen, dass der schuli-
sche Teil einfach zu schwer für sie war.
Aber sie hatten Glück: Sie haben jetzt die
Chance, die zweijährige Ausbildung zum/
zur „Fachpraktiker/in Service in sozialen
Einrichtungen
zu absolvieren. Die richtet
sich speziell an Jugendliche mit einer
Lernbehinderung und gibt ihnen die Pers-
pektive, auf dem ersten Arbeitsmarkt
Fuß zu fassen.
Viele Haupt- oder Förderschüler wie Va-
lerie oder Angelina tun sich schwer mit
dem theoretischen Teil einer Berufsaus-
bildung. Manche scheitern auch daran.
Sollen sie aber deshalb auf dem Arbeits-
markt keine Chance haben, vor allem
dann, wenn sie gut ausgeprägte soziale
Fähigkeiten haben? – Nein, sagten sich
der Kölner Sozialpfarrer Franz Meurer
und der bekannte Psychiater Dr. Man-
fred Lütz und gaben damit den Anstoß
für diesen neuen Ausbildungsgang.
Der feierte 2014 mit 13 Auszubildenden
in Köln Premiere, erzählt Roderich Dör-
ner. Er ist Fachbereichsleiter Berufliche
Integration für Menschen mit Behinde-
rung bei IN VIA Köln, dem Katholischen
Verband für Mädchen- und Frauensozial-
arbeit. Zusammen mit der IHK Köln (die
IHK nimmt auch die Prüfung ab) und un-
terstützt von katholischen Trägern aus
der Region hat man den Ausbildungs-
gang konzipiert und auf den Weg ge-
bracht. Weiter mit imBoot sind die Agen-
turfürArbeitundderLandschaftsverband
Rheinland, die beide das Projekt auch fi-
nanziell unterstützen. – Im Bereich der
IHK Köln haben dieses Jahr bereits 17 jun-
ge Leute ihre Ausbildung angefangen, die
IHK Bonn hat das Erfolgsmodell über-
nommen, hier sind es 13.
Wie viele andere katholische Träger betei-
ligt sich auch die Marienhaus Unterneh-
mensgruppe an diesem beispielhaften
Projekt. Jungen Menschen mit Lernbehin-
derung die Chance zu geben, einen Beruf
zu erlernen, der ihnen Freude macht und
bei dem sie ihre Stärken entwickeln kön-
nen, das gehört in den Augen von Dr. Kat-
rin Keller zu den zentralen Aufgaben ei-
nes christlichen Trägers; insbesondere
auch dann, wenn diese jungen Leute mit
ihrer Arbeit dazu beitragen, die Qualität
der Betreuung in den Einrichtungen zu si-
chern. Deshalb wird der Träger auch in
den kommenden Wochen entscheiden,
wie dieses „sinnhafte Berufsbild“, so die
Leiterin der Stabsstelle Unternehmens-
und Organisationsentwicklung, in den
Träger integriert werden kann.
Die jungen Leute machen sich beispiels-
weise in der Küche nützlich, kümmern
sich umDingewie die Versorgungmit Ge-
tränken, machen Besorgungen oder klei-
ne Botengänge oder nehmen sich ganz
einfach mal Zeit für ein Gespräch mit den
alten Menschen. Dass sie dafür die not-
wendige Sensibilität und soziale Kompe-
tenz mitbringen, davon haben sich die
Verantwortlichen in Köln und Alfter im
Vorfeld überzeugen können. Valerie und
Angelina haben nämlich beide vorab ein
Praktikum gemacht. „Und für unsere
Mitarbeiter war es selbstverständlich,
dass wir Valerie diese Chance geben“,
sagt die Kölner Einrichtungsleiterin Re-
nate Schoor nicht ohne Stolz.
Vier Tage die Woche arbeiten die jungen
Leute in der Einrichtung, einen Tag (näm-
lich mittwochs) drücken sie die Schul-
bank. Wobei auch der schulische Teil eher
praktisch ausgerichtet ist und die ganze
Lebenswirklichkeit der Auszubildenden
in den Blick nimmt, wie Roderich Dörner
sagt. Jeder Auszubildende hat zudem ei-
nen Jobcoach an der Seite. Bei Valerie
Haeneefstingels ist dies Hamide Coban.
Sie besucht ihre Schützlinge regelmäßig
und nimmt sie (imübertragenen, manch-
mal aber auch im ursprünglichen Wort-
sinn) an die Hand, um ihnen so zu helfen,
diese Ausbildung auch erfolgreich zu
meistern.
Betriebe, die einen jungen Menschen
zum „Fachpraktiker Service in sozialen
Einrichtungen
ausgebildet haben, ver-
pflichten sich übrigens, diesen mindes-
tens für ein weiteres Jahr zu beschäfti-
gen. – Das unterstreicht noch einmal,
wie ernst es allen Beteiligten mit die-
sem Projekt ist.
Die Perspektive, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen
Der Träger gibt jungen Menschen mit Lernbehinderung die Chance, eine Ausbildung zum
„Fachpraktiker Service in sozialen Einrichtungen“ zu machen
Seit Anfang September macht Valerie Haeneefstingels (links) im Seniorenzentrum St. Josefs-
haus in Köln ihre Ausbildung. Ihr als Jobcoach zur Seite steht Hamide Coban.
Foto: hf
1,2,3,4,5 7,8,9,10,11,12,13,14,15,16,...48
Powered by FlippingBook